Rezension zu „Kindeswohl“ von Ian McEwan

Titel: Kindeswohl

Autor: Ian McEwan

Übersetzer: Werner Schmitz

Genre: Roman

Seitenanzahl: 224

Verlag: Diogenes

Preis: 22€

Inhaltsanagbe

Scheidungen, Sorgerecht, Fragen des Kindeswohls – das ist das Spezial­gebiet der Richterin Fiona Maye. In ihrer eigenen, kinderlosen Ehe ist sie seit über dreißig Jahren glücklich. Bis zu dem Tag, als ihr Mann ihr einen schockierenden Vorschlag unterbreitet und ihr ein dringlicher Gerichtsfall vorgelegt wird, in dem es für einen 17-jährigen Jungen um Leben und Tod geht.

Unsere Meinung

Achtung, Spoiler voraus! Bitte nur weiterlesen, wenn du das Buch schon kennst. Für eine Spoiler-freie Meinung bitte das Fazit weiter unten lesen.

Zugegeben, Diogenes-Bücher mit ihren scheinbar geschmackvollen, künstlerisch anmutenden Covern und ihrem Ruf, eher „höhere“ Literatur zu sein, haben uns lange Zeit abgeschreckt. Dann stellte sich uns Ian McEwans „Kindeswohl“ als Mängelexemplar zu einem unschlagbaren Preis von drei Euro in den Weg und wir beschlossen, dem Diogenes Verlag eine Chance zu geben. Gleich vorweg: Wir haben es nicht bereut.
Tatsächlich stellte sich schon auf den ersten Seiten heraus, dass Ian McEwan einen so wunderschönen Schreibstil hat, dass Sprachpuristen ihre helle Freude haben dürften. Eine so banale Sache wie Kaffee beschreibt McEwan in einer beinahe schon anmutigen Weise (siehe S. 56), auch die Beschreibung zu Fionas Verhältnis zur Musik  war jedes Mal einfach tief bewegend – jeder Virtuose wird sich in McEwans kitschfreier und zugleich doch so romantischer Beschreibung dessen wiederfinden.
Auch inhaltlich konnte der Roman überzeugen. Der ständige Wechsel zwischen Fiona, der verlassenen Ehefrau und Mylady Richterin, der nüchternen und berechnenden Karrierefrau, sorgte für eine gute Abwechslung. Lediglich der Kuss zwischen ihr und Adam stieß uns seltsam auf. Besonders ob ihrer eigenen Kinderlosigkeit schien der Kuss in der Form, wie er beschrieben wurde, sehr unrealistisch und zudem für die weitere Handlungsentwicklung nicht notwendig. Für uns hat es die Beziehung zwischen ihm und Fiona entrückt; aus dem Gleichgewicht gebracht.
In höchstem Maße faszinierend war rückblickend die Tatsache, dass Ian McEwan einen so großen Einfluss auf den Leser haben kann: Von Auftakt bis Ende des Prozesses um Adam Henry konnten wir uns dabei beobachten, wie wir von zunächst entrüsteter Empörung über bisweilen zustimmendes Nicken bis hin zur völligen Einverständnis des Kontrahenten alles verspürten – und das, obwohl der Kontrahent doch eine Position vertrat, gegen die sich zunächst jede Faser in uns sträubte. Und doch fanden wir uns am Ende im Einklang mit seiner Argumentation wieder, nur um dann doch die Entscheidung der Richterin zu befürworten. Ein Gefühlschaos sondergleichen, dessen Beobachtung wirklich faszinierend war!

Fazit

Ein rundum großartiges und andersartiges Leseerlebnis, bei dem Schreibstil und Inhalt gleichermaßen einzigartig sind – eine Geschichte fernab des üblichen Schemas und mit vielen interessanten Einblicken in die Arbeit einer Familienrichterin und ihr Umfeld. Ein besonders großes Lob gilt dem Übersetzer, der stellvertretend für viele seiner Kollegen eindrucksvoll bewiesen hat, dass Übersetzer ebenso künstlerisch begabt sind, wie die Autoren selbst.
Lediglich der Preis ist ein Manko, denn mehr als 10 Euro hätten wir nicht bezahlt und finden das unabhängig der unbestreitbaren Großartigkeit des Romans einfach zu viel. Empfehlenswert: Entweder ihr ergattert wie wir ein günstiges Mängelexemplar oder haltet auf dem Gebrauchtmarkt Ausschau.

2 Kommentare zu „Rezension zu „Kindeswohl“ von Ian McEwan

  1. Wenn euch „Kindeswohl“ von Ian McEwan gefallen hat, dann kann ich euch nur „Abbitte“ vom selben Autor wärmstens ans Herz legen. Dort findet ihr genau denselben Schreibstil und Erzähltechnik.
    Zudem ist „Abbitte“ auch verfilmt worden, und kann super mit der Romanvorlage mithalten. ;)

    Ich lasse ganz liebe Grüße da
    Natascha :)

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    1. Danke für den Tipp, liebe Natascha! :) Wir haben nach „Kindeswohl“ direkt eine kleine Ian McEwan-Bestellung getätigt; „Abbitte“ ist auch dabei. Sind schon gespannt :)
      Kennst du vielleicht noch andere Autoren, die in dem Stil schreiben? Ist für uns nämlich noch Neuland, aber wir würden echt gern mehr in der Richtung lesen.

      Liebe Grüße zurück, an dich und auch an David!

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